
Sommerrauschen
Christiane Adlung. DuMont Buchverlag, 2026. 320 Seiten.
Eine Rezension
I. Vorbemerkung
Es gibt Bücher, die man im Hochsommer liest, und es gibt Bücher, die den Hochsommer selbst zur Figur machen.
Sommerrauschen, der neue Roman von Christiane Adelung, ebenso bekannt unter ihrem Pseudonym Joséphine Nicolas, mit dem sie 2021 ihr Debüt Tage mit Gatsby vorlegte, gehört zur zweiten Sorte. Hier ist der Sommer kein Hintergrund. Er ist der Akteur, der Erinnerungsspeicher, der Komplize und der Tatort zugleich.
II. Zum Inhalt
Die dreieckige Médoc-Halbinsel, eingebettet zwischen Biscaya, Gironde und Atlantik, ist seit Kindertagen der Schauplatz unvergesslicher Sommer für Judith und ihre Familie. Strand, Meer, Vögel und Natascha, das Mädchen aus dem Nachbarhaus, stets an ihrer Seite.
Die Mädchen verband damals mehr als ihre Abziehtattoos auf sonnengebräunter Haut. Da ist ein dunkles Geheimnis, das auch heute noch tief in Judiths Seele sitzt und das selbst in ihrer Rolle als Mutter zweier lebhafter Zwillingstöchter und ihrem künstlerischen Erfolg als Bildhauerin nicht verschwindet.
Niemand weiß genau, wie es damals zur Tragödie um die kleine Schwester Lola kam. Doch Judith glaubt unerschütterlich an ihre eigene Schuld. Ein Glaube, der ihr bis in die Gegenwart leidvolle Momente bereitet. Der Kontakt zu Natascha ist über die Jahre zerronnen. Jetzt ist es Judiths eigene Familie, ihr Mann Robert, die Zwillinge, die die Médoc-Tradition fortführt. Der Vater ist tot; nur Oda, die egozentrische Mutter, kehrt ebenfalls zurück.
Als das leer stehende Nachbarhaus zum Verkauf steht, zeigt sich Robert mit architektonischem Sachverstand sofort interessiert. Judith spürt instinktiv, dass darin verdrängte Erinnerungen aufleben würden. Doch ein anderes Ereignis erschüttert sie weit stärker: Natascha taucht plötzlich auf in Begleitung ihres Mannes Simon. Alles, was Judith seit jenem Sommer vor vierzig Jahren zu verdrängen versuchte, droht sie zu überwältigen. Ihre Ehe gerät in Gefahr. Ihr scheinbares Gleichgewicht beginnt zu kippen.
III. Einordnung ins Werk
Wer Adlungs bisheriges Œuvre kennt, erkennt in Sommerrauschen ein drittes Kapitel einer Reihe verwandter Frauenporträts, auch wenn sich Stoff und Gattung jedes Mal verändern. Drei Romane, drei Frauen, ein wiederkehrendes Muster.
Tage mit Gatsby erzählt aus Zelda Fitzgeralds Perspektive vom Sommer 1924 in Südfrankreich: eine Frau, deren künstlerische Ambitionen vom berühmten Ehemann systematisch unterdrückt werden.
Das Haus am Meeresufer fiktionalisiert das Leben Eileen Grays, der Architektin der legendären Villa E.1027 an der Côte d'Azur, eine Frau, deren bahnbrechendes Werk durch Jean Badovici und Le Corbusier usurpiert und buchstäblich überpinselt wurde, deren Urheberschaft in Vergessenheit geriet.
Sommerrauschen verlässt nun den biografisch-historischen Stoff vollständig und wendet sich der freien Erfindung zu.
Doch das Grundmuster bleibt erkennbar, fast wie eine Konstante in Adlungs Schreiben.
Vier Parallelen fallen dabei besonders auf:
Erstens, das Haus als Erinnerungsarchiv. So wie E.1027 zur Bühne für Neid, Enttäuschung und Verrat wird, ist auch das Nachbarhaus im Médoc kein bloßer Schauplatz, sondern Träger einer Geschichte, die nicht verschwinden will. Adlung vertraut der Architektur eine erzählerische Funktion an, die über die reine Kulisse hinausgeht: Räume vergessen nichts, sie geben die Erinnerung nur zeitversetzt zurück.
Zweitens, die Diskrepanz zwischen äußerem Erfolg und innerer Zerrissenheit. Eileen Gray ist anerkannte Künstlerin und wird doch um ihr Verdienst betrogen. Judith ist erfolgreiche Bildhauerin und wird doch von einer selbstzugeschriebenen Schuld zerfressen, die niemand sieht. In beiden Fällen geht das sichtbare Bild einer Frau am wirklichen Zustand ihrer Seele vorbei. Es ist stets ein Riss, den Adlung in allen drei Romanen variiert, mal an einer realen, mal an einer erfundenen Figur.
Drittens, der Verrat durch nahestehende Männer. Bei Gray sind es Badovici und Le Corbusier, die ihren architektonischen Raum okkupieren. Bei Judith ist es subtiler, aber strukturverwandt. Robert, der das Nachbarhaus rein sachlich-architektonisch taxiert, ohne die emotionale Wucht zu erkennen, die der Ort für seine Frau bereithält. Adlung erzählt damit erneut von Männern, die einen Raum für sich beanspruchen, wörtlich oder im übertragenen Sinn, ohne die Geschichte zu respektieren, die eine Frau hineingelegt hat.
Viertens, die geografische Konstante Südfrankreich. Côte d'Azur bei Gray, Südfrankreich bei Zelda, nun die Atlantikküste des Médoc bei Judith. Adlung kehrt mit auffälliger Beharrlichkeit an die französische Küste zurück, als wäre sie der einzige Ort, an dem sich weibliche Krisen in ihrer vollen Dichte entfalten lassen.
Der entscheidende Unterschied liegt im erzählerischen Verfahren selbst.
Das Haus am Meeresufer ist akribisch recherchierte Sachbuch-Fiktionalisierung, komplett mit Nachwort und Bibliografie.
Sommerrauschen verzichtet auf diesen dokumentarischen Apparat vollständig. Adlung wechselt vom biografisch verbürgten Stoff zum psychologischen Gegenwartsroman. Das Muster bleibt bestehen, der Beweisapparat fällt weg. Das ist ein Risiko, das sie bewusst eingeht, ohne die Autorität einer realen Vorlage muss der Roman seine emotionale Wahrhaftigkeit allein aus der Sprache schöpfen.
IV. Sprache und Erzählweise
Genau hier liegt die größte Stärke des Romans Sommerrauschen. Adlung schreibt elegant, poetisch, mit einem sicheren Gefühl für die Verletzlichkeit ihrer Figuren, ohne dabei in Kitsch zu verfallen, eine Gefahr, die bei diesem Sujet (Sommerhaus, Jugendfreundschaft, Familiengeheimnis) immer lauert. Die Landschaft des Médoc ist nicht Kulisse, sondern Resonanzraum. Dünen, Wälder, die Seen hinter den Stränden, das Eckhaus, das Nachbarhaus, alles ist aufgeladen mit Erinnerung, alles trägt das Ungesagte mit und in sich.
Adlung erzählt das Trauma nicht durch Erklärung, sondern durch Verschiebung. Was mit Lola geschah, bleibt lange im Halbdunkel. Was Judith und Natascha wirklich verbindet, wird angedeutet, nicht ausbuchstabiert. Diese Zurückhaltung ist kein erzählerisches Defizit, sondern Methode, welche den Leser im Ungesagten zwingt mitzulesen. Genau dort entfaltet der Roman seine stärkste Wirkung.
V. Kritische Anmerkungen
Nicht alles gelingt gleich überzeugend. Die Figur des Robert bleibt ein wenig ohne Kontrast. Ein Mann, der das Nachbarhaus mit professionellem Architektenblick taxiert, während seine Frau innerlich auseinanderbricht, hätte mehr erzählerisches Gewicht verdient. Entweder als Kontrastfigur zur emotionalen Wucht der Frauenfiguren oder als eigenständige psychologische Studie. Adlung deutet diese Spannung an, verfolgt sie aber nicht zu Ende. Auch die Mutterfigur Oda bleibt in der Egozentrik verhaftet, die ihr zugeschrieben wird, ohne dass der Roman ihr eine eigene Tiefe zugesteht. Wer in Adlungs Romanen – wie schon in Tage mit Gatsby und Das Haus am Meeresufer – die volle psychologische Ausleuchtung aller Figuren sucht, wird an diesen Stellen eine gewisse Schemenhaftigkeit bemerken.
VI. Gesamturteil
Dennoch, Sommerrauschen ist mehr als eine "anspruchsvolle Sommerlektüre", wie der Verlag selbst formuliert. Es ist ein Roman über die Halbwertszeit von Schuld, über Freundschaften, die nie offiziell enden, und über die Unmöglichkeit, Vergangenheit auf Dauer zu verdrängen. Adlung beweist mit ihrem dritten Roman, dass ihr literarisches Talent nicht an reale Vorlagen gebunden ist. Sie kann eigene Figuren schaffen, eigene Landschaften aufladen, eigene Geheimnisse verwalten, ohne die Autorität einer historischen Vorlage im Rücken zu haben.
Ein Buch wie ein langer Nachmittag am Meer: ruhig an der Oberfläche, darunter die spannende Strömung.
Bewertung: 5 von 5 Sternen
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